8. November: Am Pranger! Denkfehler des Medienmanagements bei der redaktionellen Selbst-Inspektion
Abschiedsvorlesung im Rahmen des GFK-Fellowships von
Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl (Lugano)
Donnerstag, 8. November, 18.00 Uhr
Fakultätssaal Fachbereich 05, Philosophicum
Jakob-Welder-Weg 18
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Journalisten und ihre Redaktionen fordern von anderen ständig Rechenschaft und Transparenz ein und gebärden sich dabei oftmals als Moralapostel der Gesellschaft. Im Umgang mit eigenen Fehlern tun sie sich dagegen erkennbar schwer – obschon kritische, ehrliche Selbstinspektion wenig Geld kosten würde und ein entscheidender Schritt sein könnte, um journalistische Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.
Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalistik und Medienmanagement (Università della Svizzera italiana, Lugano) und derzeit GFK-Fellow der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, spürt mit Hilfe der Verhaltens-Ökonomie typische Denkfehler auf, die Chefredaktionen und Medienmanager kollektiv begehen, und widmet sich der Frage, wie sich „media accountability“ unter den Bedingungen der Medienkonvergenz verändert.
Impressionen des Abschiedsvortrages von Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl im Rahmen seines GFK-Fellowships an der JGU Mainz
Wer kontrolliert die Kontrolleure? Wenn Journalisten, die als Beobachter des Geschehens gegenüber allen Beteiligten objektiv sein müssen, über sich selbst oder ihre Kollegen berichten, geraten sie in eine von verschiedenen Faktoren verschuldete Konfliktsituation. Mit den „Denkfehlern des Medienmanagements bei der redaktionellen Selbst-Inspektion“ beschäftigte sich Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl im Rahmen seines Abschiedsvortrags als GfK-Fellow des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz.
„In Zeiten von Medienkonvergenz ist redaktionelle Rechenschaftspflicht im Eigeninteresse der Unternehmen“, ist sich Ruß-Mohl sicher. Neben einem offenen Umgang mit Fehlern in der eigenen Berichterstattung betrifft dies auch kritischen Medienjournalismus. Dieser ist zwar teuer, im Zuge der Qualitätssicherung aber auch auch zwingend notwendig geworden.
Obwohl das öffentliche Interesse an Medienjournalismus zunimmt, sind viele Unternehmen noch zurückhaltend, wenn es darum geht, in „media accountability“ zu investieren. Erst, wenn die Publika die Rechenschaftspflicht einfordern, wird sich der Umgang der Redaktionen mit diesem Thema ändern, konstatiert Ruß-Mohl. Zwischen „Kollegenschelte“ und „Nestbeschmutzung“ kritisierte Ruß-Mohl fehlende Selbstkritik in der Medienbranche.
Die Konsequenz: Während Mainstream-Medien zunehmend die Kontrolle über „media accountability“ verlieren, verlagert sich der kritische Medienjournalismus ins Internet, auf Blogs und soziale Netzwerke. Wenn sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, so prognostiziert Ruß-Mohl, könnte dem Verlust der Zahlungsbereitschaft auf Rezipientenseite schon bald der Verlust von Glaubwürdigkeit und Kontrolle der Medien folgen.
Im internationalen Vergleich nimmt der Markt in den USA eine Vorreiterposition im Bereich Medienjournalismus ein. Während Italien diesem Thema keinen Platz einräumt, befinden sich Deutschland und die Schweiz im Mittelfeld, da zumindest konzernunabhängige Medien der Selbstkritik Raum geben. (Viola Granow)

