Adaption / Adaptation

Ästhetische Prozesse der Umgestaltung und Aneignung im Zeitalter der Medienkonvergenz: Empirische und kulturtheoretische Grundlegung einer Ästhetik der Adaption.
Aesthetic Processes of Transformation and Appropriation in the Age of Media Convergence: Empirical and Cultural Theoretical Foundations of an Aesthetics of Adaptation

 

Adaption

 

Medienkonvergenz ist eines der herausragenden Kennzeichen von Adaptationsvorgängen in den Künsten: Wenn eine mündlich überlieferte Geschichte schriftlich fixiert wird und als Oper den Weg auf die Bühne, in den Film, zu Youtube findet und auf einem Smartphone abgespielt wird, sind vielfache Prozesse des Medienwechsels zu beobachten, die jeweils ihre Spuren im Narrativ hinterlassen. Funktion und Bedeutung der Geschichte verändern sich im jeweiligen Transformationsprozess medienkontingent, denn auch jedes Medium transportiert eigene Bedeutungsdimensionen im Vorgang der Rezeption. Es ist etwas anderes, ob ich den Mythos von Medea als Einschlafgeschichte erzähle, bei Schwab nachlese, im Anzug in der Oper erlebe, Pasolinis Film 1995 in einem underground-Kino in Berlin gesehen habe oder einem Freund Maria Callas in einem Clip auf dem Handy unterwegs schnell mal zeige. Da alle diese Rezeptionsformen potenziell gleichzeitig zur Verfügung stehen und sich gegenseitig beeinflussen und widerspiegeln, lässt sich hier von einer Medienkonvergenz sprechen, die historisch schon länger zu beobachten ist, aber in einer Weise beschleunigt worden ist, dass wir von einem qualitativen und nicht nur quantitativen Wechsel sprechen können. In ästhetischen Zusammenhängen ist dabei die Adaption sowohl produktionsästhetisch wie rezeptions-ästhetisch das entscheidende Verfahren. Media convergence is one of the most salient features of adaptation in the arts. When an oral tradition is put into writing and becomes an opera on stage, becomes a film, becomes a Youtube clip and is viewed on a hand-held mobile device, a multitude of media conversion processes can be observed. Each step of the process leaves a trace in the narrative. The function and the meaning of the story change depending on the respective medium because each medium carries its own significance in the context of reception. There is a difference if I tell the myth of Medea as a bedtime story or if I read it up in a modern retelling; if I wear a dinner jacket and sit in the opera house, or if I saw Pasolinis film in 1995 in an underground cinema in Berlin; or if I quickly show Maria Callas to a friend on my mobile while riding a bus. Since all these forms of reception are available simultaneously and influence and mirror each other, we may speak of a media convergence which has been around for a while already, though this process of convergence has sped greatly in the more recent past. This acceleration is more than just a quantitative change: in aesthetic contexts, adaptation is the most relevant procedure in terms of production as well as reception.

 

‚Adaption‘ ist ein äußerst anschlussfähiger Begriff aus vielen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften. Er wird genauso in der Entwicklungsbiologie (Darwin), wie den Neurowissenschaften oder den Literatur- und Filmwissenschaften benutzt. Er bezeichnet die Anpassungs- oder Transformationsprozesse, mit denen ein Organismus, eine neuronale Struktur oder ein Kunstwerk in einen neuen Zusammenhang eingepasst wird. Der Begriff kommt vom lateinischen ‚aptum‘, das vor allem ‚angemessen‘ bedeutet und eine wichtige Rolle in der Rhetorik spielt, wo eine Rede dem Redner, dem Gegenstand und den Zuhörern angemessen zu sein hat. Was hier auch den Takt bedeutet, mit dem diese gesellschaftlich oder politisch feinsinnige Abschätzung der Angemessenheit zu erfolgen hat, ist in den Naturwissenschaften ein oftmals komplexes Funktionsverhältnis, das schon Darwin oft auch als „beautiful“ beschrieben hat, da es eine verblüffend präzise Einpassung von Organismen oder Strukturen in komplizierte biotopische Verhältnisse bedeutet. Adaption ist also keine grobkörnige Zurechtmachung eines Gegenstandes durch natürliche oder kulturelle Prozesse oder Akteure, sondern eine detailreiche Kalibrierung und Justierung, die nicht nur als Produkt, sondern auch als Prozess (Hutcheon) zu verstehen ist. ‘Adaptation’ is a highly resonant term in many disciplines: ‘adaptation’ is at home in evolutionary biology (Darwin) as well as in the neurosciences, film and literary studies. It describes the processes of adjustment or conformation and transformation which help to fit an organism, a neuronal structure or a work of art into a new context. The term derives from the Latin word ‘aptum’ which means ‘appropriate’ and plays an important role in rhe-torics where it designates the appropriateness of the speech to the speaker, to the topic and to the audience. In cultural contexts, this means also the tactful appreciation of political or social relations and their appropriateness. In the sciences, it often designates highly complex functional relationships, which were described by Darwin as “beautiful” because they imply an astonishingly finely tuned integration of organisms and structures into complex habitats. Hence, adaptation is not a coarse-grained fitting of an object through natural or cultural processes or agents, but is a detailed fine-tuning, which is simultaneously process and product (Hutcheon).

 

Linda Hutcheon hat in ihrer Theory of Adaptation (2012) für die menschliche Vorstellungskraft wegweisend festgehalten, dass die Adaption keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel ist. Marcus Boon konstatiert noch fundamentaler in seinem Praise of Copying (2010): „copying is a fundamental part of being human“(7). Diese theoretischen Positionen zeigen in Richtung dessen, was im Zusammenhang der Medienkonvergenz für unsere Forschung interessant ist: Grundlagen einer auch empirisch erforschten Ästhetik der Adaption zu schaffen. Das bedeutet die Zusammenführung von geisteswissenschaftlichen Ansätzen und Arbeiten mit einer psychologisch flankierten neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung, bei der spekulativ ebenso wie experimentell die ästhetischen Dimensionen der Adaption als medienkonvergenter Prozess in psychophysiologischer und politisch-gesellschaftlicher Hinsicht erforscht werden. In her Theory of Adaptation (2012), Linda Hutcheon points out that for human imagination adaptation is the norm and not the exception. Marcus Boon is even more radical in his Praise of Copying (2010), claiming: “copying is a fundamental part of being human” (7). These theoretical positions point in the direction of our media convergence research focus, namely to establish an empirically grounded aesthetics of adaptation which entails the collaboration of the humanities with psychologically supported neuro-scientific basic research. This covers both theoretical concerns and empirical experiments in order to study the aesthetic dimensions of adaptation as a media convergent process in terms of psychophysiology as well as in terms of sociopolitics of culture.

 

Erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe unter dem Banner der Transmedialität wurden in dem von Renner, von Hoff und Krings herausgegebenen Band Medien. Erzählen. Gesellschaft. (Bd. 2 der Schriftenreihe Medienkonvergenz, 2013) dokumentiert. Unter dem Leitbegriff der Adaption wurde eine Tagung im Nationalen Filminstitut und Nationalen Filmmuseum Frankfurt abgehalten, wo die Grundlagen für den von Pascal Nicklas und Dan Hassler-Forest (Universität Amsterdam) bei Palgrave Macmillan herausgegebenen Band Politics of Adaptation – Ideology and Globalization (2015) gelegt wurden. Außerdem wurde im WS 2013/2014 eine Vorlesungsreihe zum Thema veranstaltet. Für 2015 ist eine internationale Konferenz zum Thema Adaptation and Perception geplant. First results have been edited under the banner of transmediality by Renner, von Hoff and Krings: Medien. Erzählen. Gesellschaft. (vol. 2 of the Media Convergence edition, 2013). Adaptation was inaugurated as the research focus at a conference at the German National Film Museum and German Film Institute in Frankfurt (Main). At this meeting the foundation was laid for the Palgrave Macmillan volume Politics of Adaptation – Ideology and Globalization (2015) edited by Pascal Nicklas and Dan Hassler-Forest (University of Amsterdam). There was also a lecture series during the winter semester 2013/14. In 2015, there will be an international Conference on Adaptation and Perception.

 

mail Kontakt


PD Dr. Pascal Nicklas
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie
D 55131 Mainz
Tel. +49 6131 17-5769
Email
Prof. Dr. Dagmar von Hoff
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Deutsches Institut
D 55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-26789
Email
Prof. Dr. Matthias Krings
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Ethnologie und Afrikastudien
D 55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-26800
Email

 

Links Weiterführende Links


» Tagung Aesthetic Attention vom 22.-23.11.2013 in Mainz

 

Band 4: „Medialität und Menschenbild“

hrsg. von Jens Eder, Joseph Imorde, Maike Reinerth

erschienen im Dezember 2012

MC-Bd4Kurzbeschreibung

Menschenbilder sind Formen anthropologischen Wissens; sie sind historisch und kulturell variable Gewebe aus Vorstellungen über menschliche Merkmale – Körper, Psyche, Sozialität, Transzendenz, “die Natur” oder “das Wesen” des Menschen. Die interdisziplinäre Publikation untersucht anhand exemplarischer Fallstudien die Spezifik und den Wandel medial vermittelter Menschenbilder und leitet daraus Schlüsse auf das grundsätzliche Verhältnis von Medialität und Menschenbild ab. Weiterlesen